Werkleitz, der kurze Traum vom globalen Dorf.
Einer der größten Hoffnungsträger der Region in Sachen E-Commerce hat Pleite gemacht. werkleitz.com mit Hauptsitz in Tornitz musste kurz vor dem geplanten Börsengang die Notbremse ziehen, nachdem es nicht gelungen war, für den DotCom Auftritt der Dörfer Werkleitz und Tornitz weiter Geld zu beschaffen.
Das passt in die allgemeine Stimmung. Die Kurse vieler Internetfirmen sind in der letzten Zeit bis zu 90 Prozent gefallen. Der Boom scheint vorüber zu sein. Auch die Großen unter den Internetfirmen machen zwar meist steigende Umsätze, aber immer noch keine schwarzen Zahlen. Vorausgesagt wird, dass in der nächsten Zeit viele Internetfirmen denselben Weg wie werkleitz.com gehen könnten.
Nicht nur die circa 300 Kunden, denen eine eigene Homepage versprochen wurde, werden sich nun nach einer anderen elektronischen Bleibe umsehen müssen, auch eine Reihe von Arbeitsplätzen in dem jungen start-up-Unternehmen gehen verloren. Da die Betreiber Konkurs angemeldet haben, sind wieder mal die „kleinen Leute“ die wahren Verlierer.
In den Dörfern Werkleitz und Tornitz ist die Goldgräberstimmung einer fassunglosen Wut gewichen. Dabei hatte bei der Firmengründung alles so hoffnungsvoll ausgesehen.
Auf einem Betriebsausflug in die Elb-Saaleauen kam eine Gruppe junger Unternehmer aus Berlin auf die Idee, das globale Dorf ernst zu nehmen. Als sie in das idyllisch in einer Saaleschleife gelegene Werkleitz kamen, entstand mehr aus einer Bierlaune heraus die Idee, dieses Dorf zu einem Knotenpunkt des weltweiten E-Commerce auszubauen. Statt als Agentur nur die Kontakte zu den verschiedenen Dienstleistern zu vermitteln, wollte werkleitz.com den Ort selbst ins Netz bringen. Man würde ein virtuelles Mediendorf errichten - ein tatsächliches Global Village mit E-Commerce und allem Drum und Dran. Für jeden Dienstleister - von der Metallverarbeitung über die Gastwirtschaft bis zu der Schweinezucht - würde man hier ein Häuschen errichten. 300 Anbieter waren interessiert.
Doch es sollte alles anders kommen. Geplant war zunächst, Venture Capitalists aufzutreiben, denn Werkleitz.com war von Anfang an klar: "Das kriegen wir mit unseren Mitteln nicht hin." Doch die Bankdarlehen, auf die man sich eingelassen hatte, erwiesen sich dann als viel zu klein. Dieser Fehler bricht vielen Start-ups das Genick. Denn der neue Gründungsboom unterscheidet sich von der Gründerzeit der Wirtschaftswunderjahre. "Ein Multimediaunternehmen funktioniert nicht wie ein traditioneller Handwerksbetrieb, wo der Meister erst eine Maschine kauft, dann wartet, bis er sie abbezahlt hat, und sich dann überlegt, ob er einen Gesellen einstellt", sagt Sigrid Kreis vom Multimedia Support Center im nahegelegenen Calbe. In der so genannten New Economy zählen Schnelligkeit und ein starker erster Auftritt: Nicht kleckern, sondern klotzen!
Aber bei Werkleitz.com hatte man zu lange gezögert. Bald wurde das Geld knapp. Die laufenden Kosten fraßen das Bankdarlehen auf. Im Januar 2000 wusste man: "Am Ende des Monats sind wir blank."Im Laufe des Frühjahres trat werkleitz.com dann an sechs potentielle Investoren heran. Doch die ließen die junge Firma warten. Woche um Woche verstrich und nichts geschah. Um die Angestellten nicht zu demotivieren, kürzte werkleitz.com die Gehälter: "Wir mussten uns einschränken bis zum Gehtnichtmehr."
Im Juni dann der Schlag in die Magengrube: Statt das Darlehen wie versprochen zu strecken, hatte die Bank das Geschäftskonto gesperrt, weil der Kredit verbraucht war. Werkleitz.com versuchte zu handeln. Vergeblich. Auch das Land zog seine Subventionen zurück. Das war's.
Die letzten,die vom Konkurs erfuhren, waren die kleinen Anbieter der Werkleitz und Tornitz.
Dort, wo eine der umfangreichsten Internetpraesenzen entstehen sollte, ist heute immer noch ein Baustellensymbol zu finden:„Under construction“, aber hier wird wohl nichts mehr passieren.
Ein Kinderspiel, mit einer guten Idee im E-Business Millionen abzuzocken? Genau dieser Kurzschluß ist der große Fehler vieler Existenzgründer. Nur schätzungsweise zwei von zehn Start-ups gehen ab wie eine Rakete. Die meisten Neugründungen brechen schon im Start auseinander wie die Challenger - bloß schaut dabei keiner zu.
Versatzstücke:
Das Internet machts möglich: Auch in Deutschland herrscht Aufbruchstimmung in Sachen E-Commerce. Eine gute Geschäftsidee, ein Geldgeber und aus jungen Leuten, die eben noch ihre Freizeit im Netz verbracht haben, werden Jungunternehmer mit Option aufs grosse Geld.
E-Business verändert unsere Welt in einer noch nie erlebten Geschwindigkeit. Das Internet erlaubt es, mit seinem erweiterten Umfeld extrem schnell zu kommunizieren, ohne daß dabei die räumliche Entfernung eine Rolle spielt. Damit wird die Kommunikation eines Unternehmens mit seinen Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern neu definiert.
E-Conomy= Auch e-Commerce, e-Business oder Electronic Commerce genannnt. Bezeichnet den Handel mit gewerblichen oder privaten Kunden über das Internet. Über das Netz lassen sich alle Waren handeln.
Kleine und mittlere Unternehmen klagen häufig: „ e-Commerce ist nichts für uns und passt auch nicht zu unseren Kunden. E-Commerce-Systeme sind zu teuer.“ Das Gegenteil ist richtig. Denn zum einen bietet das Internet mit seinen vielfältigen Anwendungen aquch kleinen Betrieben wie zum Beispiel Handwerkern interessante Einsatzmöglichkeiten. Und zum anderen gibt es auch kostengünstigere Systeme, die modular erworben und eingesetzt werden können.
Portal=auf Deutsch „Tor“. Eine website, die nach Inhalten strukturiert ist und einen schnellen Zugang zu anderen Internet-Seiten ermöglicht. Beispiele für Portale sind AOL, Excite, Lycos oder T-Online. Auch Suchmaschinen wie Yahoo, Lycos, Excite oder Altavista werden den Portalen zugerechent. Sie bieten nicht nur den Suchdienst an, sondern erleichtern den Zugriff auf Websites anderer Anbieter.
Venture Capital=auch Risiko- oder Wagniskapital. Venture-Kapitalgebern sind bereit, ein höheres Risiko einzugehen und setzen dafür auf höhere Renditen. Insbesondere junge Firmen aus der Internetbranche werden mit Venture Capital gefördert. Im Gegensatz zum Bankkredit werden weder Zinsen noch Tilgung fällig. Geht die Firma pleite, trägt der Kapitalgeber den Verlust voll.
Ob E- oder M-Commerce: Auch neue und innovative Geschäftsmodelle erfordern klare Konzepte und umfangreiche Investitionen. Das gilt für den Start ins web ebenso wie für den laufenden Betrieb. Der schönste e-shop, die tollste auktion via Handy oder das interaktivste Händlersystem haben keinen Erfolg, wenn sie dem Besucheransturm nicht Stand halten oder das Schnäppchen seinen Käufer nie erreicht.
Die letzten Börsen-Monate haben die euphorischen -erwartungen der Marktbeobachter und Investoren jedoch getrübt. Ähnlich wie früher der Club of Rome hört man heute schon einzelne Protagonisten der New E-Conomy über „Grenzen des Wachstums“ sprechen.
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