ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN
wie texte doch altern können! entdeckte ich ende 1998 beim besuch der ausstellung wer haust in meiner stirn - fundsachen heiner müller in der berliner akademie der künste: „mein gott, dieser mann konnte das wort geschichte noch aussprechen!“ entfuhr es mir da, weil doch jeder heute weiß, daß man das wort geschichte nicht mehr aussprechen kann, weil geschichte vorbei ist und dieses vorbeisein wiederum auch schon eine ganze weile vorbei, daß es selbst nicht mehr wahr ist. wir haben geschichte doch ausgelagert, und zwar geschichte als die geschichte antagonistischer widersprüche und nicht als firmengeschichte im militärkontext, wie sie sich heute uns darstellt. ausgelagert, um nicht zu sagen, exportiert in andere regionen, an die ränder - wie es so schön heißt, weil es ein angenehmes bild abgibt von behaglicher mittellage - dorthin, wo der pfeffer wächst, in trübe gewässer, in die tiefsee, wo ophelia im rollstuhl sitzt und fische trümmer leichen und leichenteile treiben vorbei und ihre rede an die metropolen der welt adressiert. nichts neues: „das westliche paradies konstituiert sich aus der hölle für die dritte welt“ hat heiner müller schon 1981 gesagt, nur ist heute die hölle mitten unter uns, in diesem geographischen bild ist kein aufenthaltsort - denn die dritte welt ist längst in der ersten angekommen, die räume ineinandergefahren, ein spaziergang ist das nicht.
das dumme an einer ausgelagerten geschichte ist nur: selber enthalten ist man darin auch nicht mehr. der wunsch, „subjekt zu werden“ (rotwelsch) ist also unter diesen bedingungen nicht mehr äußerbar, das ganze subjekt-objekt-verhältnis nicht einmal mehr neuralgisch, sondern vermutlich aufgelöst, also alles behauptbar oder gar nichts, und so wird auch alle fünf minuten wie in einer übersprungshandlung ein neues zeitalter, eine neue generation ausgerufen, d.h. man verwechselt sich heute schnell mal mal mit der welt, weil man darin nicht mehr verortet ist.
wie diese texte doch gealtert sind! stelle ich also fünf jahre später immer noch deren rasantes altern oder gealtertsein fest, nur überrascht es mich diesmal nicht, überrascht werde ich vielmehr von den europäischen theaterspielplänen, die heiner müller als aufzuführenden, also auch aktuellen autor ausweisen. (aus frankreich höre ich zwar, er sei ein klassiker, was wiederum nur eine andere form des gealtertseins ergibt.) ja, es hat den anschein als verwechselte auch ich mich ein wenig mit der welt oder zumindest der literaturgeschichte, wenn ich so dastehe und anachronismen ausspreche. doch entfernungen messen geht immer, muß immer möglich sein, also auch die entfernung zu mir selbst als leserin, die ich vor knapp fünfzehn jahren war, ende der 80er. eine zeit, in der meine müller-lektüre zwischen der rezeption der musik der einstürzenden neubauten oder von the fall und der lektüre von benjamin adorno foucault eingeklemmt war. dieser müller-kosmos, der ende der 80er anfang der 90er unbedingt in einem popkulturellen kontext anzusiedeln war (mit heiner müller selbst als ikone) war allerdings stark mit anderen texten der moderne verwoben und spielte ständig in dieser verweisstruktur mit seiner unentzifferbarkeit. ein weiteres aus heutiger sicht unvorstellbares unternehmen, denn die moderne scheint in den letzten fünfzehn jahren marginal geworden, taugt nicht mehr zum bezugsrahmen, und schon gar nicht in einem popkulturellen zusammenhang. auch die art und weise, wie diese verweise funktioniert haben, jene hermetik, scheint mir als ästhetisches verfahren heute seltsam anachronistisch. was ist geschehen? was habe ich in diesen 15 jahren erfahren?
hauptsächlich kann man ja heute erfahren, was alles unlesbar ist, und was texte unlesbar macht, da häuft sich ja einiges. dasselbe im theater: was dort alles als unspielbar gilt. alles, was keinen einfachen dramatischen knoten enthält, in dem die sprache der figurenzeichnung folgt und diese wiederum dem plot, wie er uns längst auswendig ist. dauernd kamen mir unlesbarkeiten und unspielbarkeiten entgegen, es scheint, als seien wir von unlesbarkeiten und unspielbarkeiten vollends umgeben, und inmitten dieser halte auch ich mich auf und blicke auf die lesbare welt. was ist in ihr zu sehen? fickzellen mit fernheizung? WAS BLEIBT ABER STIFTEN DIE BOMBEN? das wäre wohl ebenfalls zu unlesbar.
es kann möglich sein, daß nach und nach andere ästhetische strategien entstanden sind: daß eine scheinbare lesbarkeit oder affirmation, eine flüssigkeit in meine texte gekommen ist, nicht gestoppt durch lästigen materialballast, der es nichtmal in die google-welt schafft, nicht gestoppt durch als allzu subjektiv zu beschimpfende metaphern, die sprache des eigenen, diese kurze fiktion der moderne. im rhetorischen, hysterischen hat sich alles verfangen, das pathos des bewußtseins, das sich an der welt reibt, ist verschwunden im diskurs, der rhetorik und der hysterie. das ist meine ästhetische entfernung. merkwürdig groß geraten, eigentlich fast nicht mehr meßbar. überraschend unwirklich. der anachronismus, der in mir spazierengeht, findet also keinen stabilen ort, und so werde ich von hinten überfallen.
„ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“ bildbeschreibung. das schlecht gemachte bild, das man anhand seiner fehlerlinie entlangbeschreiben kann, einer fehlerlinie, die uns hineinführt in eine negative geschichte und in dieser beschreibung ihren ästhetischer index entstehen läßt. es ergibt sich kein aufenthaltsort, man wird von der textbewegung fortgerissen, die ihrerseits dem gewaltverhältnis folgt, das in alles eingeschrieben ist, auf der suche nach dem alles erlösenden fehler. den es als idee heute im zeitalter der systemtheorie und der unternehmensberatung gar nicht mehr geben kann.
es ist ja heute fraglich, ob texte überhaupt noch altern können, das dürfte gar nicht mehr gehen. und es summiert sich, was alles nachaltern müßte und dasteht in einer merkwürdigen art jugendlichkeit, dem neuen brautkleid der medea, das alle poren versiegelt in gleichaltrigkeit. das brennen geht nach innen, die frau am strick, die frau mit den aufgeschnittenen pulsadern die frau mit der überdosis weiß nicht mehr, wieso sie sich in ihren knochen sitzen hat, in denen doch die kontrollgesellschaft ihren hauptsitz hat. internalisiert werden muß heute der subjektive zwang und festgehalten an den riten des vermeintlich subjektiven, den differenzierungsmöglichkeiten der markengesellschaft, solange man nur kann. nein, zum altern besteht keine chance mehr.
und welche wiederbelebungen finden heute noch statt? wie kann man wieder ins leben zurückkehren, aus dem man sich keinen zentimeter wegbewegt hat? wir, wenn wir wirklich die sein sollen, die diese lebendkopien von leichen abgeben, nähren uns mehr vom futur zwei: es wird uns nicht gegeben haben.
dieser text wurde für den band „kalkfell zwei“ im verlag „theater der zeit“ (www.theaterderzeit.de), erschienen im januar 2004, verfaßt.
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