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aus: draußen tobt die dunkelziffer

 

 

1 der regulierer (der regulierer)

 

 

- sie also sind die angehörigen, die nicht richtig an die situation angeschlossenen, die sich hier an die situation anschließen lassen wollen, weil sie es nicht kapieren, weil es ihnen einfach nicht in den kopf geht. warum sie nicht gefragt worden sind. sie wollen wissen, wie man so was machen kann. wie man sie einfach außen vor lassen kann, wo sie doch so verwickelt sind.

 

sie also sind die angehörigen. die, die ihm mit einem taxi hinterherfahren, die seine telefongespräche kontrollieren, die seine kontoauszüge verfolgen, seine jackentaschen ausleeren und sich nummern aus seinem notizbuch rausschreiben oder zuhören, wenn er im nebenzimmer spricht. sie also sind die, die ihm hinterherschleichen. die die nächte durch wachbleiben und horchen, ob die tür geht. ob man schon schritte hören kann. ob er schon dasteht im gang und horcht, ob sie noch wachgeblieben sind.

 

ich kann sie ja verstehen. zuerst weiß man nicht: spricht man so jemanden an? ja, kann man so jemanden ansprechen, der so seinen abgang betreibt? kann man jemanden auf seinen kontostand ansprechen? macht man denn das? zeigt man auf all das versandhausgut, das schon wieder in der wohnung herumstehen tut. auf all die plastiktüten, die nicht geöffnet sind. nimmt man sich des postbergs an, sieht man sich all die briefumschläge an, die da ungeöffnet in der kiste liegen?

 

ja, immer wieder haben sie sich überlegt, wie lange ihre verwandte schon im zeitungsstapel steckt. ob man sie ansprechen kann auf die sammlung an plastikbesteck, auf die eingeschrumpelten luftballons, auf die müllberge vor dem bett, auf die abgelaufenen medikamente im bad. aber nein, sie rempeln ihre verwandte nicht an, sie nehmen nicht ihren ganzen kram und schmeißen ihn zum fenster raus. nur überlegen tun sie es schon. ja, sie denken darüber nach, was sich da machen läßt mit den ungedeckten schecks, mit der kreditkarte, die schon wieder in ihrer geldtasche steckt. sie haben sich gedanken gemacht. immer wieder haben sie die kontoauszüge geprüft, immer wieder haben sie sich gesagt, und vielleicht sagen sie das auch jetzt: meine güte, er war eben arbeitslos. oder: mein bruder hat eben kein lehrstellenangebot. oder: sie ist eben körperlich krank, meine frau. sie sagen sich: da hat es eine scheidung gegeben bei meiner freundin. oder: mein mann hat geschäftlich eben kein glück. jetzt wo er selbstständig ist, das nennt man doch risiko. geschäftsrisiko, da ist man doch heute froh, wenn man das haben kann, das wollen doch alle. das sagen sie sich und knabbern dabei auf ihren fingernägeln herum.

ja, überlegen tun sie schon, was sich da machen läßt, das sehe ich ihnen an, sie überlegen genau, wie fängt man so was an. daß man das ein für allemal unterbinden kann, das verhalten zumindest mindern, herunterschalten diesen geldknall, in dem er sich versteckt.

damit es wenigstens nicht so auffallen tut.

damit man es nicht so sehr entdeckt.

damit es nicht so aneckt.

 

sie also sind die angehörigen, die an die situation nicht richtig angeschlossenen, die, die sich an die situation hier anschließen lassen wollen, doch es klappt nicht recht, nicht wahr? sie verstehen nicht. und ich verstehe auch nicht. ich habe gedacht, sie würden ihre angehörigenautomatik für einen moment mal unterbrechen, ich habe gedacht, sie wären hin und wieder mal außer betrieb, zumindest so lange, wie ich mit ihnen hier rede, aber das können sie wohl nicht. sie müssen immer dranbleiben an ihm, sie können von ihm nicht lassen, sie müssen klebenbleiben. sie sind ja lebendig begraben unter ihrer unterstützerwut, aus der sie keiner befreien tut.

 

ich verstehe ja, sie wollen die kontrolle bewahren, die ihm so fehlt. sie denken: vielleicht können sie noch rechtzeitig reagieren, wenn er das schon nicht kann. aber im prinzip reagieren sie nicht. hier reagiert niemand. hier bringen sich nur alle um den verstand.

ich verstehe, es gibt sie nur als angehörige, sie haben ansonsten keine daseinsform, können keinen anderen aggregatzustand, auch jetzt, wo es brenzlig wird.

 

sie also sind die angehörigen. ich muß sagen: ich habe sie mir ein wenig anders vorgestellt, wenn sie jetzt so vor mir stehen, muß ich sagen, das steht ihnen gar nicht gut. wenn sie jetzt so vor mir stehen und alle verwandtschaftsgrade in ihrem gesicht zusammensammeln und über bord werfen wollen.

 

ich verstehe, daß sie sich nicht erschießen lassen wollen für das, was ihr angehöriger tut. ich verstehe, sie wollen nicht zeitzeuge ihres eigenen kollapses sein, doch dafür ist es wohl zu spät. sie sagen, sie steigen nicht in das dauerhafte niedrigeinkommen ein, das man für sie bereitgestellt hat, sie steigen jetzt vielmehr aus, sie kommen hierher, sie möchten ihre finanzen wieder im griff haben. doch in ihre finanzen läßt man sie nicht herein. sie sagen, sie wollen sich nicht erschießen lassen für das, was ihr angehöriger tut, dabei sie sind schon längst erschossen, nur haben sie es bisher noch nicht bemerkt.

 

 
  © kathrin röggla / realisation: flamme rouge gmbh / nach oben